Der Weg

Till: John, wie fing das alles eigentlich mit uns und MY FAIR NETWORK an?

John: Das war Anfang 2017, nach meinem Studium. Vorher war ich noch angestellt und habe für mich gemerkt, dass das nichts für mich ist. Ich habe den Drang verspürt mich selbstständig machen zu wollen. Zuerst habe ich mir die Frage gestellt: „Was mache ich gerne?“. Ich bin seit klein auf immer wieder in einem Ehrenamt gewesen oder in einem Verein, in denen ich anderen Menschen helfen konnte. Mir hat es immer sehr viel Freude bereitet anderen Menschen zu helfen und deren Leben zu verbessern. Weitere Interessen, die ich auch schon lange verfolgt hatte waren Natur und Erhaltung. Ich wollte irgendwas machen, wo ich mal rauskomme. Sei es Produktion oder Landscaping. Das waren die 2 Bereiche, die ich längerfristig miteinander verknüpfen wollte. Also habe ich angefangen, mich intensiv darüber zu informieren. Den Schlüsselmoment hatte ich, nachdem ich das Buch „Kopf schlägt Kapital“ von Günter Faltin gelesen hatte. Er hatte es geschafft, Luxus Tee aus Indien super günstig anzubieten. Das ermöglichte, dass Zwischenschritte in der Teeverarbeitung wegfallen, indem die Weiterverarbeitung im Herkunftsland stattfindet. So sorgte er für eine bessere Bezahlung der Produzenten im Herkunftsland und sogar, dass der Tee in Deutschland viel günstiger angeboten werden konnte und die Konkurrenz preislich unterboten wurde. Da ich ja aus Kolumbien komme, war für mich klar, dass ich mich auf mein Heimatland konzentrieren möchte.

Till: Genau, und dann haben wir angefangen zu recherchieren.

John: Ja! 2017 waren nur leider kaum Produzenten auf Social Media oder im gesamten Internet präsent. Sogar Infos über Kolumbien und die Struktur von Produzenten waren kaum bis gar nicht zu finden. Da war für uns klar, wir müssen selbst dort hin! Natürlich haben wir uns überlegt, wie wir das Ganze gestalten wollen. Wie hast du denn unsere Gründungszeit wahrgenommen?

Till: Am Anfang habe ich das Ganze noch für ein bisschen unrealistisch gehalten. Ich fand die Idee, als du mir zum ersten Mal davon erzählt hast, schon cool. Ich war da gerade mit meinem Bachelor in BWL fertig, wollte meinen Master machen, habe mich aber oft gefragt: „Und danach? Ach, das wird sich schon irgendwie ergeben…“ Aber so war es natürlich nicht. Und dann hast du mir wie aus Zufall von deiner Idee erzählt! Ich wollte dich anfangs eigentlich nur nebenbei unterstützen, aber dann habe ich gemerkt, dass die Motivation, anderen Menschen zu helfen, neue Qualitätsstandards für ausländische Produkte in Deutschland zu setzen und für den Erhalt der Natur zu sorgen, das ist, was ich dauerhaft machen möchte. Diese Themen habe ich auch schon lange als Problem gesehen, auch wenn ich mich damals nicht mit Kolumbien auseinandergesetzt habe. Meine soziale Ader war auch immer sehr ausgeprägt. Ja, und jetzt bin ich hier! Hätte ich nicht gedacht, aber damals war man ja auch ein bisschen naiv.

John: Früh war uns klar, dass unser Vorhaben am besten funktioniert, wenn wir eine Art Netzwerk aufbauen. Als wir immer mehr Kaffees von verschiedenen kolumbianischen Produzenten und deren Vereinigungen angeboten haben, merkten wir: „Es funktioniert!“  Das nun rückblickend zu sehen, wie wir es damals geplant haben, kommt dem Gedanken des Netzwerkes schon sehr nahe.

Till: Dann bist du nach Kolumbien geflogen, weil wir zu wenig Zugang zu Daten hatten: Infos über Produkte, Supply Chain und Richtlinien in Kolumbien. Wir haben uns auch schon erste Gedanken darüber gemacht, wie der Anbau und die Ernte aussehen muss, was man außer Kaffee noch alles machen könnte – dabei sind wir auch auf andere interessante Produkte gestoßen. Vor allem wollten wir während deiner Reise aber unsere Unternehmenswerte weiter definieren.

John: Ja. Uns war am Anfang erstmal wichtig: „Wie können wir unsere selbstdefinierten Werte der Nachhaltigkeit und des Fairen Handelns als Multiplikator und Self Sustaining System umsetzen? Nach meiner 1.Kolumbienreise bin ich zwar mit vielen Erkenntnissen zurückgekommen, aber hatte leider nicht die richtigen Produzenten gefunden. Das war ein ziemlicher Fehlstart. Aber wir haben einfach weiter gemacht.

Ein halbes Jahr später bin ich dann mit einem 7-Stufen-Modell nochmal nach Cauca in Kolumbien geflogen. Hier wurde geklärt: Wie sprechen wir Produzenten an, gestalten den ersten Handel aus und können richtig beraten? Schnell wussten wir: Wenn wir das größer aufziehen wollen, brauchen wir mehr Kapital. Davor mussten wir aber erst die Frage klären: „Bekommen wir überhaupt einen Kaffee?“

Till: Du hast mir erzählt, dass auf Seiten der Produzenten ein Bedürfnis nach Wissen vorhanden ist, weil sie relativ unwissend waren über ihre Produkte, die Vertriebsstrukturen und über ihren Markt. Man kann ihnen mit kleinen Tipps schon viel helfen und etwas verändern. Vor allem hat mich das biodiverse Anbau-System fasziniert, von dem wir noch nie gehört hatten. Auf den Fincas neben dem Kaffee wachsen noch viele andere Pflanzen, die man verwenden könnte und die von den Produzenten selbst als eher unwichtig erachtet wurden, obwohl man viele leckere Produkte daraus machen kann. Da musste es doch irgendeinen positiven nachhaltigen Effekt geben!

John: Durch einen Kollegen aus Kolumbien haben wir dann gelernt und erfahren, dass für eine hohe Kaffeequalität ein biodiverser Anbau wichtig ist. Gleichzeitig fanden wir heraus, dass dies die nachhaltigste Anbaumethode ist und die Erntemengen sich kaum verringern. Das war dann auch unser nächster Anhaltspunkt für unsere Recherchen. Wir haben uns hier in Deutschland mit Professoren, Experten und Wissensträgern vernetzt. Dadurch konnten wir nach und nach immer mehr über das Thema erfahren und sind dann letzten Endes auf den Kern gestoßen, woraus man ein funktionierendes Geschäftsmodell entwickeln kann. Wir wollten neue Wege mit Produzenten aus Entwicklungsländern gehen, indem wir durch Beratungs- und Managementansätze Produktionskapazitäten verwalten und nachhaltig organisieren, um die Qualität des Produktes und das Leben der Produzenten längerfristig zu verbessern. Unser Fokus soll auf den Produktionskapazitäten und Produzenten liegen, denn so haben wir erst die Möglichkeit, nach unseren Werten Produkte nach Deutschland zu bringen. Der Gedanke: „Wir müssen als Netzwerk arbeiten“ war damit schnell geboren.

Till: Unsere Produzenten und Lieferanten waren unsere Stakeholder. Durch unsere Beratungs- und Managementansätze konnten wir sie von unserer Idee überzeugen. Und so wurden unsere Produzenten als Stakeholder zu unseren Partnern auf Augenhöhe. Die Zusammenarbeit auf Augenhöhe war uns sehr wichtig, weil ja die westliche Welt Entwicklungsländer eher herablassend behandelt. Man braucht einfach ein interkulturelles Team, bestehend auch aus Beheimateten, die diese Brücke zwischen Kulturen schlagen können. Es ist ein Geben und Nehmen: Wir konnten den Produzenten eine Menge beibringen, sie aber uns auch.

John: Wir lernen so viel von unseren Produzenten - sei es die Fermentation, der Anbau, oder jeder Verarbeitungsschritt von Kaffee. Der Gedanke zur Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“ hat uns am meisten gebracht. Jedoch kam ich auch nach meiner zweiten Reise zunächst ohne ein Produkt wieder. Das hatte den Hintergrund, dass uns die Produzenten nicht richtig davon überzeugen konnten zu 100% hinter der Sache zu stehen. Da war für uns die Zusammenarbeit leider zu Ende. Wir können froh sein, dass es zunächst so gelaufen ist, weil die derzeitige Situation im Cauca sich leider sehr verschlechtert hat. Klar, es war sehr frustrierend: Ich war wieder dort, es gab immer noch kein Produkt. Dennoch konnten wir uns auf dieser Reise gut vernetzen und wir dachten uns dann: „Hey, wir haben Leute dort vor Ort, die uns helfen, uns noch weiter zu vernetzen.

Im Frühjahr 2019 war ich dann mit einem Kollegen ein drittes Mal dort. Da haben wir auch die Bauernvereinigung ASOPECAM kennengelernt. Wir waren dort auf einer Feier in Tuluá , wo ihre Markeneinführung zelebriert wurde. Wir hatten da das Glück, dass wir die ganze Vereinigung kennenlernen durften – damals bestand sie noch aus 20 Familien. Damit hatten wir endlich unsere Produzenten gefunden und als wir zurückkamen, stand fest: Wir hatten ein Produkt für den Verkauf!

Till: Bis zum ersten Export hat es dann aber gleich bis Dezember 2019 gedauert. Da hatten wir uns aber noch nicht so viel Gedanken über den Vertrieb gemacht. Wir haben uns erstmal darauf konzentriert die Idee weiter in Fahrt zu bringen, sie auszugestalten, das Geschäftsmodell zu entwickeln, dieses Netzwerk, was wir heute haben, weiter auszubauen. Es war für mich wichtig, nachdem wir so lange geplant und geredet haben, die erste Ladung hier zu haben. Kurz nachdem ich wiedergekommen bin, habe ich mich mit einem Startupper darüber ausgetauscht, was es alles für Möglichkeiten in Richtung Nachhaltigkeit und Produkte gibt und wie man den Menschen helfen kann.  2019 ging dann alles recht schnell. Ein Kollege hatte uns vom Gründerstipendium erzählt, was wir dann auch beantragt hatten. Wir wurden recht schnell eingeladen und haben unser Geschäftsmodell vorgestellt. Die Juroren waren direkt überzeugt, auch wenn der Kaffee, zu dem Zeitpunkt noch nicht so gut war wie der, den wir heute anbieten. ;-)

John:Das hat vor allem dir dann die Gewissheit gegeben, dass wir das zusammen durchziehen, oder?

Till: Auf jeden Fall! Mit diesem Erfolg haben wir gegründet und sind wir kurz danach in unser 1.kleines Büro in Leverkusen eingezogen. Und 2 Tage später ist John schon wieder zurück nach Kolumbien geflogen und hat den ersten Export vorbereitet, den wir dann pünktlich an Weihnachten 2019 erhalten haben. Daraufhin haben wir den Kaffee verpackt und an unsere Vorbesteller geschickt. Danach waren wir richtig motiviert. Unser Kundenstamm wuchs, Folgebestellungen kamen, wir haben unsere Ziele ausformuliert. Und dann kam es, wie es wohl kommen musste: Corona. Wir dachten zunächst, dass Kolumbien nicht betroffen werden wird und dass wir weiterhin unseren Kaffee exportieren könnten. Falsch gedacht. Wir hatten Kunden, die auf Ihre Bestellung gewartet haben, der Kaffee war fertig geröstet, bereit für den Export, kam aber nicht aus Kolumbien raus. Corona hat in Kolumbien eine der schlimmsten Wirtschaftskrisen ausgelöst. John kam dann auch erstmal nicht aus Kolumbien zurück, erst durch das Rückholprogramm der Bundesregierung konnte John zurückkehren. Das war der absolute Supergau. Wir haben sehr viel Momentum verloren. Wir hätten niemals gedacht, dass das unsere Startphase so kaputt macht.

John: Das Gute ist aber, dass die Exportverzögerung dazu geführt hat, dass wir unser Geschäftsmodell schärfen konnten. Und dies hat zu unserem Entschluss geführt, dass wir mehr exportieren wollen als nur Kaffee. Die Pandemie hat zwar dazu geführt, dass sich unser Team noch einmal neu zusammengesetzt hat, trotz dessen konnten wir unser Netzwerk und unsere Produktpalette erweitern und sind letzten Endes dahin gekommen, wo wir gerade sind. Das macht unser Konzept auch so einzigartig. Immer wenn wir nach Kolumbien gehen, haben wir die Möglichkeit neue Menschen und Produkte kennenzulernen und das alles aus einem Netzwerk heraus, bestehend aus engagierten Menschen, die auch untereinander gut vernetzt sind.

Till: Damit können wir sogar dazu beitragen, ihre Produkte zu verbessern, ihr Land nach vorne bringen, die wunderschöne Natur in ihrem Land zu erhalten, aber auch Hoffnung an andere Kolumbianer zu geben. Ich glaube, das ist das Beste, was wir geschafft haben. Wir sind froh, dass wir die Pandemie überstanden haben und sogar gestärkt daraus gehen.

John: Mit dem richtigen Marketing haben wir ein attraktives Produktdesign für unsere Produktpalette erschaffen, wodurch wir schon während der Pandemie immer erfolgreicher wurden. Das haben wir loyalen Kunden zu verdanken, die immer wieder gekauft haben und uns tatsächlich durch 2020 gebracht haben. Bei unserer fünften und letzten Reise war unser Team in Kolumbien zwar klein, aber wir konnten uns besser organisieren. Ich habe mich darüber geärgert, weil ich bei unserer letzten Reise noch produktiver sein wollte. Trotz dessen konnte ich unser Netzwerk und unsere Produktpalette erweitern und sind letzten Endes dahin gekommen, wo wir gerade sind. Dass wir so eine breite Produktpalette anbieten, unterscheidet uns auch von anderen Händlern. Immer wenn wir nach Kolumbien gehen haben wir die Möglichkeit neue Menschen und Produkte kennenzulernen und das alles aus einem Netzwerk heraus, bestehend aus engagierten Menschen, die sich auch untereinander mehr vernetzen. Dadurch auch Ihre Produkte verbessern, ihr Land nach vorne bringen, die Natur in ihrem Land erhalten wollen, aber auch Hoffnung an andere Kolumbianer geben wollen. Das ist denke ich, das Beste, was wir geschafft haben.

Till: Mal sehen, wo wir in 5 Jahren stehen?

John: Es kann alles passieren. Meine Idealvorstellung wäre, dass wir dann in Südamerika 3 weitere Länder dabei haben, in denen wir auch Fuß gefasst haben oder die zumindest auf unserer Reiseroute liegen. Unser Team in Deutschland wäre optimalerweise auf 10 Leute angewachsen und in Kolumbien haben wir mindestens 5 Leute, die auch während unserer Abwesenheit die Plantagen und die Produzenten besuchen.

Till: Es wäre super, wenn wir die Möglichkeit haben, auch aus anderen Ländern zu exportieren,  wie Bolivien oder Peru. Zusätzlich hoffen wir, dass wir bis dahin klimaneutral oder sogar klimapositiv sind. Und natürlich werden wir bis dahin den Anbau verbessern können und neue Produkte unseren Kunden liefern können. Natürlich müssen wir dafür noch viel machen, aber ich denke, dass wir auf einem guten Weg sind!